„Große Realistik & Große Abstraktion“ – Hochkarätige Zeichnungen von Max Beckmann bis Gerhard Richter im Städel

19 Nov
2019

Ausstellungsansicht • Foto: Städel Museum / Norbert Miguletz

Frankfurt am Main – Der Zeichnung kommt im 20. Jahrhundert eine besondere Rolle zu. Sie ist seit jeher Medium des Suchens, Erfindens und Experimentierens.

In der Moderne gewinnt sie zudem an Eigenständigkeit und Autonomie und wird – vor allem in Zeiten staatlicher Überwachung und Unterdrückung – zu einem Medium des freien Denkens. In ihrer Vielfalt spiegelt sie nicht zuletzt auch die Komplexität der rasantem Wandel unterworfenen Kultur und Gesellschaft des letzten Jahrhunderts.

Die Graphische Sammlung des Städel Museums besitzt mit etwa 1.800 Blättern einen umfassenden Bestand an Arbeiten auf Papier von Künstlern aus diesem Jahrhundert. In der gerade eröffneten Ausstellung „Große Realistik und große Abstraktion“  wird eine erlesene Auswahl von rund 100 hochkarätigen Zeichnungen und Aquarellen von Max Beckmann bis Gerhard Richter präsentiert, die die Qualität der Kollektion und ihre historisch gewachsenen Schwerpunkte widerspiegelt. Insgesamt sind in der beeindruckenden Schau Werke von rund 40 Künstlern versammelt. Besonders reizvoll ist der Dialog von farbigen Aquarellen mit Schwarz-Weiß-Zeichnungen bei gleichen oder ähnlichen Motiven.

Den Auftakt bilden meisterhafte Papierarbeiten von Max Beckmann und Ernst Ludwig Kirchner, die auch einen tiefen Einblick in die Zeichenkunst der beiden Künstler gewähren. Darauf folgen Arbeiten von Mitgliedern der Künstlervereinigung „Brücke“, darunter Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff und Emil Nolde. Anknüpfend an den Expressionismus und dessen abstrahierende Tendenzen werden Zeichnungen von Rolf Nesch, Werner Gilles und Ernst Wilhelm Nay gezeigt, ebenso Aquarelle von Paul Klee, dessen Arbeiten sich zwischen Gegenstandsnähe und Abstraktion bewegen.

Auch im geteilten Nachkriegsdeutschland ist diese Auseinandersetzung mit dem Gegenständlichen und Ungegenständlichen für die Künstler prägend. Dies zeigt sich in Werken des Informel genauso wie in neoexpressionistischen Strömungen oder der Pop-Art, etwa bei Karl Otto Götz, Joseph Beuys, Gerhard Richter, Georg Baselitz, A. R. Penck, Sigmar Polke und Anselm Kiefer.

Ausstellungsansicht mit Kuratorin Jenny Graser • Foto: Städel Museum / Norbert Miguletz

„Die Erforschung des Bestandes der Graphischen Sammlung im Städel hat eine lange Tradition und wird nun mit einer pointierten Auswahl von deutschen Zeichnungen des 20. Jahrhunderts fortgesetzt. An diesen ausdrucksstarken, bis 1989/90, der Zeit der deutschen Wiedervereinigung, entstandenen Arbeiten lassen sich die Brüche, aber auch die Kontinuitäten des 20. Jahrhunderts, die sich verändernde Rolle und Aufgabe des Mediums der Zeichnung eindrucksvoll nachvollziehen“, erklärt Städel Direktor Philipp Demandt.

Die Kuratorin und wissenschaftliche Mitarbeiterin der Graphischen Sammlung, Jenny Graser, ergänzt: „Das 20. Jahrhundert ist vielstimmig, widersprüchlich und extrem, auch in der Kunst: Es war ein Jahrhundert der Avantgarden, der Künstlergemeinschaften und unnachgiebigen Einzelpositionen, der Realismen und Abstraktionen. Das weite Spektrum lässt sich durch die beiden ,Pole‘ charakterisieren, die Wassily Kandinsky 1911 als für die ‚Moderne‘ grundlegend beschrieb: Die ,große Realistik‘ und die ,große Abstraktion‘, das Gegenständliche und das Ungegenständliche. Diesem Pluralismus spüren die in der Ausstellung präsentierten und im Katalog bearbeiteten Zeichnungen nach“. 

Zu verdanken ist die wissenschaftliche Erforschung der deutschen Zeichnungen des 20. Jahrhunderts der Stiftung Gabriele Busch-Hauck, Frankfurt am Main. Die Stiftung hat, wie Städel-Direktor Demandt betont, „dankenswerterweise in den vergangenen Jahrzehnten in einem kontinuierlichen Engagement die kunsthistorische Erschließung ausgewählter Zeichnungsbestände des Städel Museums ermöglicht“.

„Große Realistik & Große Abstraktion – Zeichnungen von Max Beckmann bis Gerhard Richter“ bis zum 16. Februar 2020 im Städel Museum – weitere Informationen unter:  www.staedelmuseum.de

Bernd Heier

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