Dem Geheimnis der Materie auf der Spur – Holzschnitte und Skulpturen von Kirchner / Heckel / Schmidt-Rottluff im Städel

30 Jun
2019

Erich Heckel „Liegende“, 1909, Farbholzschnitt – Nachlass Erich Heckel, Hemmenhofen – Abbildung: Städel Museum

Frankfurt am Main – Kein Material ist mit der Kunst des deutschen Expressionismus stärker verbunden als Holz. Besonders die „Brücke“-Künstler Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff faszinierte und inspirierte das Naturmaterial Holz.

Sie schätzten dessen unregelmäßigen Wuchs und Maserung sowie den Widerstand und die Härte, die zu großer Formvereinfachung und Ausdruckskraft zwingt. Das Städel Museum spürt bis zum 13. Oktober 2019 in der Ausstellung „Geheimnis der Materie. Kirchner, Heckel und Schmidt-Rottluff“ den Wechselbeziehungen zwischen Holzschnitt und Holzskulptur im Schaffen der drei Mitbegründer der Künstlergruppe „Brücke“ nach.

Ernst Ludwig Kirchner (1880–1938), Erich Heckel (1883–1970) und Karl Schmidt-Rottluff (1884–1976) „strebten nach künstlerischer Erneuerung, nach mehr Authentizität und Unmittelbarkeit. Dem natürlichen Material Holz kam dabei eine katalytische Rolle zu“, erläutert Regina Freyberger, Kuratorin der Ausstellung und Leiterin der Graphischen Sammlung ab 1750 am Städel. Für die Künstler begann die Auseinandersetzung mit diesem natürlichen Werkstoff über den Holzschnitt – ein druckgrafisches Verfahren, bei dem die Darstellung wie ein Relief in eine meist dünne Holzplatte geschnitten wird – sie reizte das experimentelle Potential dieser Drucktechnik genauso wie die Arbeit mit dem Material. Die Beschäftigung mit den Eigenheiten der unterschiedlichen Holzarten und den Möglichkeiten der Hochdrucktechnik zieht sich wie ein roter Faden durch die Œuvres der drei Künstler.

Ernst Ludwig Kirchner „Mutter und Kind“ 1924, Arve bemalt – Abbildung: Städel Museum

„Das Städel Museum ist eines der wichtigsten musealen  Zentren weltweit, an denen die Arbeiten auf Papier der Expressionisten in höchster Qualität und Dichte erfahren werden können. Eine unserer dringlichsten Aufgaben ist es, diesen kostbaren Bestand nicht nur umfassend hinsichtlich seiner Provenienzen zu erforschen, sondern auch immer wieder unter neuen Aspekten zu beleuchten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen“, sagt Städel Direktor, Philipp Demandt.

Karl Schmidt-Rottluff „Selbstbildnis“, 1919, Holzschnitt – Abbildung: Städel Museum

Zudem beschäftigten sich Kirchner, Heckel und Schmidt-Rottluff als einzige Vertreter der „Brücke“ intensiv und über einen längeren Zeitraum hinweg mit der Holzbildhauerei. Etwa zeitgleich zu den frühen „Brücke“-Holzschnitten entstanden ab 1910 erste Skulpturen, die in ihrer Bearbeitung formal und inhaltlich auf den Holzschnitt zurückwirkten – und umgekehrt. „Die drei Künstler schufen ihre Holzschnitte ganz bewusst im Dialog mit dem Material und ‚schälten‘ ihre Skulpturen aus zum Teil gefundenen Holzstämmen geradezu ‚heraus‘. Rosa Schapire, die große ‚Brücke‘-Förderin, hat einmal treffend formuliert, dass es den ‚Brücke‘-Künstlern nie nur um die sichtbare Welt ging, sondern auch um das Geheimnis der Materie. Dieses Geheimnis wird in den Holzschnitten und Skulpturen immer dann besonders spürbar, wenn die Strukturen und Besonderheiten des Holzes Teil der Gestaltung werden“, betont Regina Freyberger.

Die unbedingt sehenswerte, gut strukturierte Städel-Schau versammelt 98 Holzschnitte, 12 Skulpturen und 5 Druckstöcke, die in der aubergine-farbenen Ausstellungsarchitektur hervorragend zur Geltung kommen. Erstmals werden die gerahmten Holzschnitte ohne Passepartout gezeigt. Die bisweilen schief gedruckten Blätter wirken dadurch noch ausdrucksstärker und authentischer. Ein Großteil der Werke stammt aus der einst bürgerlichen Weltklasse-Sammlung Carl Hagemann, die dem Städel-Institut 1948 großzügig als Schenkung überlassen wurde, punktuell ergänzt durch Leihgaben aus dem Stedelijk Museum Amsterdam, dem Brücke-Museum Berlin oder der Albertina Wien sowie einzelnen Werken aus Privatbesitz und dem Nachlass Erich Heckel in Hemmenhofen.

„Geheimnis der Materie. Kirchner, Heckel und Schmidt-Rottluff“ bis 13. Oktober 2019 im Städel Museum Frankfurt am Main. Kartenvorverkauf: shop.staedelmuseum.de  –  Weitere Informationen unter:  www.staedelmuseum.de

Bernd Heier

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