Erinnern und Vergessen – zwei Seiten einer Medaille … Historisches Museum Frankfurt betritt mit beeindruckender Schau Neuland

13 Mrz
2019

Johann Vincent Cissarz, Porträt, Adolf Hitler, 1940, übermalt nach 1945; © Historisches Museum Frankfurt – Foto: Horst Ziegenfusz / Historisches Museum Frankfurt

Frankfurt am Main – Jeder kennt es, jeder tut es: Vergessen ist normal. Mal finden wir das lästig, mal hilfreich und tröstlich, dann wieder problematisch. Wie lässt sich dieser Prozess beschreiben?

Flugdatenschreiber – das “Flugzeuggedächtnis“ –  einer Tupolev TU-154;  ©Militärhistorisches Museum der Bundeswehr – Flugplatz Berlin Gatow – Foto: Ralf Walter Helde /  Historisches Museum Frankfurt

In der Sonderausstellung „Vergessen – Warum wir nicht alles erinnern“ nimmt das Historische Museum Frankfurt dieses Phänomen interdisziplinär unter die Lupe. Auf einer Ausstellungsfläche von 900 m² mit rund 400 Exponaten und Kunstwerken von über 50 Leihgebern aus aller Welt durchleuchtet die Ausstellung die vielfältigen Formen des individuellen und kollektiven Vergessens. Anhand von Erkenntnissen aus Sozialwissenschaft, Kulturgeschichte, Neurowissenschaft, Psychoanalyse und Kunst untersuchen die Kuratoren Jasmin Alley und Prof. Kurt Wettengl das äußerst komplexe Thema spannend aus unterschiedlichen Perspektiven.

Dabei geht es auch um die Rolle des Museums: Dass sich eine Institution als Ort des Erinnerns mit dem Vergessen auseinandersetzt, scheint ungewöhnlich, ja fast paradox. „Das Museum ist doch für die Erinnerung geschaffen: Für das Sammeln und dafür, Dinge vor dem Vergessen zu retten. Es untersucht das Gedächtnis quasi von seiner ‚Kehrseite‘ her“, erläutert Museumsdirektor Dr. Jan Gerchow. Dennoch wagt diese umfangreiche Schau in dem neuen Ausstellungshaus den Perspektivenwechsel auf das individuelle und kollektive Gedächtnis. Das Meiste, womit wir Menschen uns beschäftigen, bleibt nicht in unserem Gedächtnis. Denn Vergessen ermöglicht erst das Erinnern: Ohne Auswahl, Konzentration und wiederholte Aktivierung bleibt nichts haften. Erinnern und Vergessen sind zwei Seiten derselben Medaille, sie werden heute nicht mehr als Gegensatz, sondern als zwei Seiten eines dynamischen Prozesses gesehen.

Das Vergessen ist viel mehr als das Versagen der Erinnerung – es funktioniert als notwendiger Filter des Gedächtnisses. Wir vergessen ständig, ohne es zu bemerken. Und es gibt individuell und gesellschaftlich viele Gründe, weshalb wir vergessen, verdrängen, vergessen wollen, uns dazu ermahnen, nicht zu vergessen oder nicht vergessen können. Wie hochaktuell die Thematik ist, zeigt der hitzige Streit über das unentrinnbare digitale Gedächtnis im Internet. Das „Vergessen“ wird hier gar zu einer gesellschaftspolitischen Forderung.

In unserem analogen Alltag hat das Vergessen dagegen einen festen Platz. Wir rechnen sogar damit und nutzen aus diesem Grund Hilfsmittel und Tricks. So haben wir beispielsweise mit Kalendern, Notizen, Wegeskizzen und Einkaufszetteln praktische Techniken des Erinnerns entwickelt, auch Eselsbrücken können hilfreich sein. Eine besondere Hilfe für das autobiografische Gedächtnis sind Fotoalben.

Roboter Paro unterstützt  die Behandlung demenziell Erkrankter;  © Forschungszentrum FUTURE AGING,  Frankfurt University of Applied Sciences – Foto: Horst Ziegenfusz / Historisches Museum Frankfurt

Die ebenso informative wie kurzweilige Schau ist in acht Themeninseln gegliedert. Diese werden durch 20 zeitgenössische Kunstwerke ergänzt, die teilweise eigens für die Ausstellung angefertigt wurden. Besonders hervorgehoben seien noch die Themeninsel „Angst vor dem Vergessen“, die sich mit Demenz befasst, und das „Nicht-Vergessen-Können“. Dieser Komplex widmet sich extremen traumatischen Erfahrungen. Nach wie vor hochaktuell ist die Thematik „Vergangenheit verleugnen“. Dieses Kapitel konzentriert sich auf das Verdrängen der Schuld an den Gräueltaten und der eigenen Beteiligung am Nationalsozialismus im Nachkriegsdeutschland.

Die höchst beeindruckende Schau „Vergessen – Warum wir nicht alles erinnern“ wird großzügig von der Kulturstiftung des Bundes, der Ernst Max von Grunelius-Stiftung, der Dr. Marschner-Stiftung sowie den Freunden & Förderern HMF unterstützt und ist bis zum 14. Juli 2019 im Historischen Museum Frankfurt zu erleben. www.historisches-museum-frankfurt.de

Bernd Heier

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