„Sommerreigen der Liebe“ … Charlotte von Stein – Schriftstellerin, Freundin und Mentorin im Frankfurter Goethe-Haus

28 Aug
2018

Johann Wolfgang von Goethe • Bild: Johann Ehrenfried Schumann (nach Georg Melchior Kraus): „Goethe mit Silhouette“, Gemälde von 1778 – Abbildung: © Freies Deutsches Hochstift / Frankfurter Goethe-Museum

Frankfurt am Main  Charlotte von Stein (1742-1827) zählt zu den zentralen Figuren im Weimar des ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts. Viele kennen zwar ihren Namen, aber nur wenige wissen Genaueres über ihr Leben und ihre faszinierende Persönlichkeit. Wahrgenommen wird sie zumeist nur in Verbindung zu Goethes Leben und Werk.

Dabei hatte das persönliche Kennenlernen der beiden eine erstaunliche Vorgeschichte: Goethe bekam einen Scherenschnitt mit der Silhouette einer ihm bis dahin unbekannten Dame zu Gesicht. Von ihrem Profil war er sehr angetan, wie seine Anmerkungen zeigten. Der Maler Johann Ehrenfried Schumann hat diese Szene eindrucksvoll in dem obigen Gemälde festgehalten. Als der 26-jährige Goethe die damals 33-jährige Charlotte von Stein 1775 persönlich kennenlernte, war sie allerdings von dem Treffen enttäuscht, weil ihr sein stürmisches Benehmen missfiel. Sie schrieb sogar: „Ich fühl’s, Goethe und ich werden niemals Freunde“.

Doch das sollte sich bald ändern. Es entwickelte sich eine äußerst starke emotionale wie intellektuelle Beziehung. Für Goethe wurde die für ihn unerreichbare, weil verheiratete Frau engste Vertraute, der er all seine Zweifel und Ängste anvertraute, von Erfolgen und Misserfolgen im Schreiben und seiner politischen Arbeit berichtete. Er schrieb nicht nur Briefe, die zu den schönsten Liebeszeugnissen der Weltliteratur gehören, sondern auch „persönliche Notizen, kurze Nachrichten, „Zettelgen“ wie Goethe sie nennt, die von Glück und Verzweiflung sprechen“, so die Biografin und preisgekrönte Schriftstellerin Sigrid Damm, die am 31. August 2018 im Arkadensaal des Goethe-Hauses aus ihrem Werk „Sommerreigen der Liebe“ liest.

Doch nicht diese innige Beziehung zu dem Dichterfürst steht im Fokus der Ausstellung „Nie standen die Frauen an ihrem gehörigen Platze … – Charlotte von Stein. Schriftstellerin, Freundin und Mentorin“, die vom 29. August bis 28. Oktober 2018 im Frankfurter Goethe-Haus zu sehen ist. Wenn auch ihre Freundschaft die geistige und künstlerische Entwicklung Charlotte von Steins nachhaltig prägte und sie ohne diese Beziehung heute wohl nur noch wenigen bekannt wäre, ist ihre Persönlichkeit nicht auf ein Dasein als „Goethes Muse“ zu reduzieren. Dies belegt die höchst eindrucksvolle und unterhaltsame Präsentation, die vom Goethe- und Schillerarchiv der Klassik Stiftung Weimar übernommen wurde und jetzt in erweiterter Form in Frankfurt am Main gezeigt wird.

Die Schau zeigt „Charlotte von Stein als literarisch und künstlerisch schöpferischen Menschen und lässt sie als Frau des Wortes mit Dichtungen und Briefen zu Wort kommen“, so Dr. Joachim Seng, Leiter der Goethe-Haus-Bibliothek. Gezeichnet wird das Bild einer eigenständigen Frau, die mitfühlend und klug zur Mentorin einer jüngeren Frauengeneration im klassischen Weimar avancierte. Sie war keine Feministin, wie der Titel der Ausstellung nahelegen könnte. Als Angehörige des Hofadels gehörten Repräsentationspflichten ebenso zu ihren Aufgaben wie die Planung des Haushalts für die Familie in Weimar und Kochberg. Doch in keiner Phase ihres Lebens beschränkte sich ihr Betätigungsfeld auf diese traditionell weiblichen Rollen. Literarisch gebildet und geistig eigenständig trat sie selbst als Autorin hervor, verfasste Dramen, Erzählungen und Gedichte, zeichnete und musizierte, trieb botanische Studien, interessierte sich für Gesteinskunde, Astronomie, Philosophie und das Zeitgeschehen.

Bild: Georg Melchior Kraus: „Je suis C“, Charlotte von Stein, Gemälde von 1787 – Abbildung: © Freies Deutsches Hochstift / Frankfurter Goethe-Museum

Gezeigt wird vor allem ihr literarisch vielfältiges Werk, von dem zu ihren Lebzeiten aber keines veröffentlicht wurde – mit einer Ausnahme: Einzig die Komödie „Die zwey Emilien“ wurde publiziert, allerdings anonym bzw. mit der Autorschaft Schillers versehen. Ihre anderen Stücke wurden erst posthum gedruckt, zunächst die beiden Schauspiele „Rino“ und „Dido“, bei dem es um die Rolle der Geschlechter ging, sowie später die Komödie „Neues Freiheitssystem oder Die Verschwörung gegen die Liebe“.

Charlotte von Stein war Hofdame der Herzoginmutter Anna Amalia, enge Vertraute der jungen Herzogin Louise, befreundet mit Herzog Carl August, Christoph Martin Wieland,  Caroline und Johann Gottfried Herder, Charlotte und Friedrich Schiller sowie mit dem Dichter Carl Ludwig von Knebel. Die hochgeachtete „Frau von Stein“, wie sie respektvoll in die Goethe-Literatur einging, war auch eine eifrige Briefschreiberin –rund 550 Briefe sind überliefert.

Gefördert wird die Ausstellung durch die Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen, die Rudolf-August Oetker-Stiftung, die Cronstett- und Hynspergische evangelische Stiftung zu Frankfurt am Main, den Arbeitskreis selbständiger Kultur-Institute e.V. und die Fazit-Stiftung. Die Commerzbank-Stiftung fördert die museumspädagogischen Vermittlungsangebote zur Ausstellung.

„Nie standen die Frauen an ihrem gehörigen Platze … – Charlotte von Stein. Schriftstellerin, Freundin und Mentorin“ bis zum 28. Oktober 2018 im Frankfurter Goethe-Haus; weitere Informationen unter:  www.goethehaus-frankfurt.de

Bernd Heier

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