Dinge zeigen, wie sie wirklich sind … Inge Werths Fotos ereignisreicher Umbruchjahre um 1968 im Museum Giersch

14 Aug
2018

Jürgen Habermas diskutiert mit streikenden Studenten der Goethe-Universität Frankfurt, 1968; Institut für Stadtgeschichte – Fotosammlung Inge Werth ©Inge Werth

Frankfurt am Main – Nie mit roten Scheuklappen … sondern Dinge zeigen, wie sie wirklich sind! Die Fotografin Inge Werth hielt mit ihrer Kamera eine bewegte Zeit gesellschaftlicher und politischer Umbrüche fest.

Sie arbeitete als freie Bildjournalistin für Medien wie die „Frankfurter Rundschau“, „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, „Die Zeit“ oder „Pardon“ und erfasste die Rebellion der 1968er-Generation gegen die bestehenden Verhältnisse. Hauptpersonen der bisweilen gewaltsamen, schlagzeilenträchtigen Großereignisse im öffentlichen Raum fotografierte Werth ebenso unauffällig wie Auffälligkeiten auf Nebenschauplätzen.

Das Museum Giersch der Goethe-Universität widmet unter dem Titel „Paris, Frankfurt am Main und die 1968 – Fotografien von Inge Werth“ den Arbeiten der 1931 in Stettin geborenen Fotografin die erste museale Präsentation. Obwohl sie neben Barbara Klemm und Abisag Tüllmann zu den wichtigen Dokumentaristinnen ihrer Zeit gehört, gilt es, ihr umfangreiches Schaffen als Chronistin einer Epoche noch zu entdecken.

Die sehenswerte Ausstellung mit rund 100 Schwarzweiß-Fotografien legt den Schwerpunkt auf Ereignisse um das Jahr 1968 – und führt den Betrachter an Schauplätze in Paris und Frankfurt am Main. Sie zeigen studentische Unruhen und Protestaktionen ebenso wie kulturelle Ereignisse in jenen spannenden und spannungsgeladenen Aufbruchszeiten. Zu sehen sind beispielsweise auch Aufnahmen der Frankfurter Buchmesse, der Aufführung von Peter Handkes Theaterstück „Publikumsbeschimpfung“ und des Ostermarsches 1966 unter Beteiligung der Sängerin Joan Baez.

Temperamentvoll gibt Inge Werth (Mitte) Einblicke in ihre Arbeiten; daneben Kuratorin PD Dr. Viola Hildebrand-Schat vom Kunstgeschichtlichen Institut der Goethe-Universität und Museumsleiter Dr. Manfred Großkinsky – Foto: Bernd Heier

Das Interesse der Autodidaktin galt vor allem der Sichtbarmachung jener zeittypischen, kontroversen Umbruchstimmung – aber „nie mit roten Scheuklappen“, wie sie selbst sagt. Ihr ging es stets darum, „die Atmosphäre und Unmittelbarkeit der Aktionen einzufangen und die Dinge zu zeigen, so wie sie sind“. Dafür nahm sie sogar gewisse Unschärfen bei den Fotos in Kauf. Man müsse nah dran sein, um die Emotionen festzuhalten. Und um schnell auf Veränderungen reagieren zu können, verzichtete die Fotografin auf technische Hilfsmittel wie Stativ oder Wechselobjektive und auf Blitzlicht.

Die üblicherweise unter 68er-Bewegung oder „68-Unruhen“ zusammengefassten Ereignisse konzentrierten sich keineswegs auf ein einziges Jahr. Die Kritik der Nachkriegsgeneration am politischen und gesellschaftlichen System der Bundesrepublik führte bereits in den 1960er Jahren zu einem Klima der Unzufriedenheit und des Aufbegehrens. Es etablierten sich Bürgerrechtsbewegungen, Streiks und Demonstrationen, die schließlich 1968 in der Studentenrevolte eskalierten. Ihre Anliegen richteten sich gegen den Verhaltenskodex einer Gesellschaft, die sich mit dem Wirtschaftsaufschwung nach alten Mustern einzurichten und die Geschehnisse der jüngsten Geschichte – Nationalsozialismus, Holocaust und Weltkrieg – zu verdrängen suchte.

Die Schau im Museum Giersch verfolgt keine lückenlose Dokumentation aller relevanten Geschehnisse dieser Jahre, sondern eine punktuelle Wiedergabe der Situationen, an denen Inge Werth als diskrete Beobachterin mit ihrer Nikon Kleinbildkamera Anteil nahm. Im Brennpunkt stehen die Mai-Unruhen in Paris 1968 sowie politische und kulturelle Ereignisse in Frankfurt am Main zwischen 1966 und 1973. Die beeindruckenden Arbeiten sind weitgehend chronologisch gehängt.

„Paris, Frankfurt am Main und die 1968er-Generation – Fotografien von Inge Werth“  bis 14. Oktober 2018 im Museum Giersch der Goethe-Universität – weitere Informationen unter: www.musuem-giersch.de

Bernd Heier

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