Mit avantgardistischer Kunst die Gesellschaft verändern – Museum Giersch zeigt „Freiraum der Kunst“

22 Mrz
2018

Jan Kubícek: Konkrete Kombination I, 1967 Acryl auf Leinwand, 135 x 135 cm Privatbesitz; Foto: Martin Polák – Foto: Museum Giersch

Frankfurt am Main – Ein halbes Jahrhundert nach dem legendären Jahr 1968 widmet das ‚Museum Giersch der Goethe-Universität‘ unter dem Obertitel „Freiraum der Kunst – Die Studiogalerie der Goethe-Universität Frankfurt 1964–1968“ der nahezu in Vergessenheit geratenen Studenten-Galerie eine Sonderausstellung.

Die beeindruckende Schau zeichnet die Geschichte, Entwicklung und das Programm der vom Allgemeinen Studentenausschuss (AStA) und der „Stiftung Studentenhaus“ betriebenen und finanzierten Studiogalerie auf dem Campus Bockenheim nach.

„Die Präsentationen der nationalen wie internationalen Avantgarde, aber auch von Fluxus-Konzerten und Happenings, verstanden sich als studentischer Beitrag zur Demokratisierung von Kunst und Gesellschaft“, sagt  Museumsleiter und Kurator der Ausstellung Dr. Manfred Großkinsky. Die Studiogalerie, die in der Frankfurter Kunstszene eine Sonderstellung einnahm, leitete Siegfried Bartels, ein Soziologie-Student.

Ferdinand Kriwet: „Yeahoneyouth“, 1967 Farbserigraphie auf Karton, 64,6 x 64,6 cm Privatbesitz; Foto: Uwe Dettmar, Frankfurt a. M.; © KRIWET / BQ, Berlin – Foto: Museum Giersch

Das Programm vermittelte die neuesten Tendenzen einer erstaunlich progressiven und experimentierfreudigen Kunst: Ausstellungen mit Malerei und Objekten der Licht- und Kinetischen Kunst, der Konkreten Kunst, des Neuen Realismus, der Op-Art, der Hard Edge- und Farbmalerei. „Der avantgardistische Geist der hier gezeigten Ausstellungen erstaunt und fasziniert bis heute“, schreibt Professorin Brigitta Wolff, Präsidentin der Goethe-Universität, in dem opulenten Begleit-katalog.

Die studentischen Betreiber der Galerie distanzierten sich von der etablierten Kunst, insbesondere von dem damals vorherrschenden Informel. Insgesamt zeigte die Studiogalerie in den knapp fünf Jahren neun Ausstellungen, darunter auch eine Schau mit konstruktiven Tendenzen aus der Tschechoslowakei. Eine Auswahl der Arbeiten ist im Obergeschoss des Museums Giersch zu sehen.

Die Studiogalerie veranstaltete außerdem auf dem Campus zwei Fluxus-Konzerte mit dem namhaften Koreaner Nam June Paik und der amerikanischen Cellistin Charlotte Moorman sowie ein Happening mit Wolf Vostell gegen den Vietnam-Krieg.

Insgesamt sind in der beeindruckenden neoklassizistischen Villa am Schaumainkai 147 Arbeiten von 67 Künstlern versammelt. Die Leihgaben stammen von Museen, Galerien und aus Privatbesitz. Nach anfänglicher Aufbruchsstimmung stellte die Studiogalerie Mitte 1968 im Zuge der Radikalisierung der Frankfurter Studentenschaft ihre Aktivitäten sang- und klanglos ein, ohne mediale Berichterstattung. Besonders die gewaltbereiten Studenten der 67er und 68er Jahre konfrontierten die Ausstellungsmacher immer wieder damit, welch geringen Stellenwert die Kunst in der Wahrnehmung der Kommilitoninnen und Kommilitonen einnahm. Viele Kunstwerke wurden auch beschädigt.

Die Ausstellung zur Studiogalerie versteht sich als kunsthistorischer Beitrag des Museums zum Projekt „50 Jahre 68“ der Goethe-Universität, die mit zahlreichen Veranstaltungen an das epochale Jahr erinnert.

„Freiraum der Kunst – Die Studiogalerie der Goethe-Universität 1964–1968“ bis 08. Juli 2018 im Museum Giersch der Goethe-Universität. – Weitere Informationen unter: www.museum-giersch.de

Bernd Heier

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