Forum für künstlerisch ambitionierte Fotografie … „SIBYLLE – Die Fotografen“ in den Opelvillen Rüsselsheim

29 Aug
2017

Cover 1964/2; © Foto: Günter Rössler © Reproduktionsfoto: Werner Mahler

Rüsselsheim – Zum ersten Mal wird die Bedeutung der „SIBYLLE“‒Zeitschrift für Mode und Kultur für die Entwicklung der Fotografie Ostdeutschlands in einer Ausstellung eingehend beleuchtet.

SIBYLLE war eine Frauenzeitschrift in der DDR, die von der Namensgeberin Sibylle Boden-Gerstner gegründet wurde. Die Zeitschrift, die als „Ost-Vogue“ galt, erschien ab 1956 sechsmal pro Jahr in einer Auflage von nur 200.000 Exemplaren im „Verlag für die Frau“, Leipzig. Sie war stets schnell vergriffen, sprach die Zeitschrift doch alle Altersgruppen an. Besonders begehrt waren die beigelegten Schnittmuster, denn die abgebildete Kleidung war in den DDR-Geschäften nicht erhältlich.

 

Maßgeblich für die Modefotografien waren zu Beginn der 1960er-Jahre Arno Fischer, Günter Rössler, Elisabeth Meinke und Roger Melis, Ende der 1960er kamen Michael Weidt und Sibylle Bergemann hinzu. In den 1970er folgten Wolfgang Wandelt, Rudolf Schäfer, Ute Mahler, Werner Mahler und in den 1980er Ulrich Wüst, Hans Praefke und Sven Marquardt. In der gut gehängten Schau, die vom 30. August bis 26. November 2017 zu sehen ist, werden nun diese Fotografen mit ausgewählten Bildern vorgestellt. Dabei ist jedem Fotokünstler in der schmucken sogenannten Herrenvilla, dem Ausstellungshaus der Opelvillen, ein eigener Raum gewidmet. Gezeigt werden auch eine Titel-Auswahl, Blattansichten, die die Veränderungen des Layouts verdeutlichen, sowie Schnittmuster-Beilagen.

Kuratorin Dr. Beate Kemfert bei der Pressekonferenz vor einer von Sven Marquardt gestalteten Fotowand – Foto: Bernd Heier

Insgesamt dokumentieren über zweihundert Werke die Entwicklungsphasen der beeindruckenden ostdeutschen Modefotografie. Die sozial engagierten Fotografen suchten neue Wege, dachten gesellschaftsbezogen und waren zunächst der Utopie eines glanzvollen Neubeginns der sozialistischen Ideen erlegen. Ziel war es, die normale Frau bei der Arbeit, auf der Straße und im Alltag anzusprechen. Die Frau sollte klug und natürlich sein, nicht mondän und damenhaft. Alltagsszenen, die auf der Straße beobachtet werden konnten, übten auf die Modefotografen der Anfangsjahre einen großen Reiz aus.

Als die Diskrepanz zwischen sozialistischem Ideal und gesellschaftlicher Wirklichkeit immer offener zu Tage trat, fanden vor allem die jüngeren Fotografen in ihrer Aussage kompromisslosere Bilder. „Auch jene Fotografien, die mit Unkonventionellem experimentierten und provozierten, konnten in SIBYLLE veröffentlicht werden. Die Zeitschrift war in der DDR eine absolute Ausnahmeerscheinung“, betont Dr. Beate Kemfert, Vorstand der Kunst- und Kulturstiftung Opelvillen Rüsselsheim und Kuratorin der imposanten Schau.

Trotz beschränkter Veröffentlichungsmöglichkeiten im autoritären ostdeutschen Regime gelang es, eine Modezeitschrift zum Forum künstlerisch ambitionierter Fotografie werden zu lassen, in dem eine freie Entfaltung und Selbstverwirklichung der Fotografen möglich war, ohne der Zensur anheimzufallen. Auch wenn gelegentlich von staatlichen Kontrolleuren moniert wurde, dass Models mehr lächeln sollten, wurden die Fotografen nicht in ihrer persönlichen Handschrift oder in ihrem unverwechselbaren Stil beschnitten – ein großes Privileg, das Bildredakteure sonst nicht genossen. Anfang 1995 musste zum großen Bedauern der treuen Leserschaft das Erscheinen im Selbstverlag aus finanziellen Gründen eingestellt werden.

Zur Ausstellung, die in Kooperation mit der Kunsthalle Rostock entwickelt wurde, ist bei Hartmann Books ein opulenter Katalog erschienen:  336 Seiten, ca. 570 Abbildungen; Preis: 39,80 Euro. Die Präsentation wird begleitet von einem umfangreichen Rahmenprogramm.

„SIBYLLE – Die Fotografen“ bis 26. November 2017 in den Opelvillen Rüsselsheim; weitere Informationen unter: www.opelvillen.de

Bernd Heier

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