Schirn zeigt „Richard Gerstl- Retrospektive“ … Das vielseitige Werk des Maler-Rebells gilt noch als Geheimtipp!

2 Mrz
2017

Richard Gerstl „Selbstbildnis als Halbakt“, 1902/04, Öl auf Leinwand, 159 x 109 cm; © Leopold Museum, Wien

Frankfurt am Main – Richard Gerstl gilt als der „erste österreichische Expressionist“ und ist doch für viele immer noch ein Geheimtipp. Der hochtalentierte Maler, der sich oft selbst im Wege stand, wurde nur 25 Jahre alt.

Der 1883 in Wien geborene Maler-Rebell schuf in seinen wenigen Lebensjahren ein aufregendes und heterogenes, wenn auch überschaubares Werk von großer stilistischer Vielfalt – ein Œuvre mit beeindruckenden Höhepunkten und wegweisenden Neuerungen.

Richard Gerstl „Bildnis der Mathilde Schönberg im Atelier“, Frühling 1908, Öl und Mischtechnik (evtl. Leimfarben) auf Leinwand, 171 x 60 cm; Kunsthaus Zug, Stiftung Sammlung Kamm; Foto: Kunsthaus Zug/Alfred Frommenwiler

Die ‚Schirn Kunsthalle Frankfurt‘ präsentiert bis zum 14. Mai 2017 die erste Retrospektive von Richard Gerstl in Deutschland. Die von der Kuratorin Dr. Ingrid Pfeiffer sorgfältig kuratierte Schau versammelt von 60 überlieferten Werken Gerstls insgesamt 53, darunter Leihgaben aus führenden Museen Österreichs. Ein großes Konvolut kommt zudem aus der Neuen Galerie in New York, weitere Werke aus wichtigen europäischen und amerikanischen Privatsammlungen. 

Gerstl wird häufig in einem Atemzug mit den großen Meistern der Wiener Moderne Gustav Klimt, Egon Schiele und Oskar Kokoschka genannt. Seine Malerei reflektiert seine Auseinandersetzung mit den Widersprüchen der Moderne: Er widersetzte sich stilistisch und inhaltlich der Wiener Secession, lehnte deren Schönheitsbegriff ab und bekannte sich zu einer „Ästhetik des Hässlichen“. Der Vorläufer einer „gestischen Aktionskunst“ liebte die Provokation und malte in der Überzeugung, künstlerisch „ganz neue Wege“ zu gehen, gegen tradierte Regeln an. „Dabei schuf er schonungslose und selbstbewusste Bilder, die keinem Vorbild folgen und bis heute ihresgleichen suchen“, so die begeisterte Kuratorin.

„Zu Lebzeiten blieb der ‚Frühexpressionist‘ ein Unbekannter, auch da er keine einzige Ausstellung hatte. Bis heute wird Richard Gerstls Œuvre als besonders zeitlos und aufregend zeitgenössisch rezipiert. Seine Malerei nahm vieles vorweg, was erst viel später in der Kunstgeschichte seinen Platz gefunden hat“, erläutert Dr. Philipp Demandt, Direktor der Schirn: „Gerstl ist eine wahre Entdeckung für die Besucherinnen und Besucher und sicherlich schon bald kein Geheimtipp mehr“, mutmaßt er wohl zurecht.

Das Porträt, vor allem das Selbstporträt, der Akt und die Landschaft sind Gerstls bevorzugte Genres. Aber wie er diese Sujets umsetzte, zeigt, dass er unbedingt künstlerisches Neuland betreten wollte. Gleich zu Beginn der faszinierenden, nach Motiven gehängten Schau sind zwei tief beeindruckende Selbstporträts zu sehen: Das früheste, das „Selbstbildnis als Halbakt“ von 1902/04 und sein letztes, das „Selbstbildnis als Akt“ von 1908, das kurz vor seinem Freitod entstand. Genauso schonungslos direkt wie er sich selbst porträtiert hat, malte er auch seine Muse Mathilde Schönberg, sein zweithäufigstes Motiv.

Der ohne Vorzeichnungen und Temperaskizzen arbeitende Künstler fertigte auch Bildnisse von anderen Zeitgenossen an, die allerdings keiner der Porträtierten haben wollte. Da er aus einer wohlhabenden Familie stammte, konnte er das genauso materiell verkraften wie fehlende Verkäufe zu seinen Lebzeiten. – Mehr als ein Drittel der überlieferten Werke Gerstls sind Landschaften. Die meisten entstanden 1907 am Traunsee in Gmunden. Die Landschaftsansichten mit pastosem Farbauftrag sind überraschend kleinformatig und kontrastieren augenfällig mit den großformatigen Farbporträts.

Die großartige Präsentation, die durch den „Verein der Freunde der Schirn Kunsthalle e. V.“ gefördert wird, ist anschließend in der Neuen Galerie in New York zu sehen.

Weitere Informationen unter: www.schirn.de

Bernd Heier

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