Niki de Saint Phalle und das Theater – Opelvillen zeigen bis 12. März 2017 „At Last I Found theTreasure“ … Happenings als Inspirationsquelle für ihre Kunst

15 Dez
2016

Rainer von Diez und Dr. Beate Kemfert beim Presserundgang • Bild: Bernd Heier

Rüsselsheim – Weltberühmt wurde die Malerin und Bildhauerin Niki de Saint Phalle mit üppigen, kunterbunten Frauenfiguren aus Polyester, den sogenannten „Nanas“. Ihre voluminösen, bisweilen unförmigen Riesenweiber zieren heute viele Orte weltweit und erfreuen die Betrachter.

Damals lösten die drallen Nanas jedoch heftige Diskussionen aus. Besonders die „architektonische“ Skulptur, die Besucher im Moderna Museet in Stockholm nur durch die geöffneten Schenkel der auf dem Rücken liegenden, bunt bemalten riesigen Frauenfigur betreten konnten, sorgte geradezu für Empörung. Zuvor stießen auch ihre „Schießbilder“ auf heftigste Ablehnung. Durch Schüsse auf große weiße Leinwände, hinter denen versteckt Farbbeutel eingegipst waren, spritzte die Farbe über die Oberfläche der Bilder. Diese Schießbilder wurden in Performances und Happenings kreiert und als ein Akt des Aufbegehrens der Feministin gegen männliche Gewalt interpretiert.

Schon immer habe sie das Theater fasziniert, erklärte die 1930 im französischen Neuilly-sur-Seine geborene Künstlerin. Im Alter von 20 Jahren besuchte sie 2 Jahre lang eine Theaterschule in Paris. Jahre später fand sie wieder zum Theater, und zwar als Rainer von Diez sie 1966 bat, Bühnenbild und Kostüme für die Inszenierung der „Lysistrata“ von Aristophanes am Staatstheater Kassel zu entwerfen. „Ich liebte diese Arbeit. Es ist eines meiner Lieblingsstücke“, sagte die vielseitige Künstlerin.

Bislang blieb die Theaterarbeit von Niki de Saint Phalle allerdings weitgehend ungewürdigt. Dies dürfte sich mit der großartigen, von den Opelvillen erarbeiteten Schau ändern. In der Ausstellung „Niki de Saint Phalle und das Theater – At Last I FoundtheTreasure“ wird die avantgardistische Künstlerin erstmals als bedeutende Ideengeberin für die performative Kunst und das Theater der 1960er-Jahre vorgestellt. Dr. Beate Kemfert, Direktorin und Kuratorin der Opelvillen, ist es in der höchst gelungenen Museumspräsentation gelungen, aufzuzeigen, welche Impulse die französische Künstlerin gab, um Kunst und Publikum auf neue Art und Weise zusammenzubringen.

Über hundert Objekte, Modelle, Siebdrucke und Plakate sowie Originaldokumente werden gezeigt, darunter auch viele bislang unbekannte Kunstwerke und Materialien aus Privatarchiven. Auch einzigartige – etliche noch unveröffentlichte – Filmdokumente sind in den schmucken Jugendstilvillen in Rüsselsheim zu sehen. Das umfangreiche Ausstellungsprojekt, an deren Vorbereitung Kemfert sechs Jahre gearbeitet hat, entstand in enger Kooperation mit der Niki Charitable Art Foundation in Santee, Kalifornien, USA.

Zu den renommierten Leihgebern zählt neben der Foundation auch das Sprengel Museum Hannover. An den Vorbereitungen hat sehr intensiv und belebend auch Rainer von Hessen mitgewirkt, der für seine Theaterzeit den Künstlernamen von Diez (auch Dietz) wählte. Der ehemalige Regisseur blickt nun zum ersten Mal auf seine Theaterzeit und Zusammenarbeit mit Niki zurück. So war er maßgeblich an der Titelgebung der Präsentation „At Last I FoundtheTreasure“ beteiligt. Denn für ihn war Niki de Saint Phalle, die 2002 im kalifornischen San Diego starb, selbst auf der Suche nach jenem Schatz, von dem ihr fiktives Bühnen-ICH im gleichnamigen Theaterstück träumt. Das Stück ohne zusammenhängende Dialoge wurde 1968 anlässlich der documenta in Kassel in Zusammenarbeit mit Rainer von Diez uraufgeführt.

Mit bereits über 700 Besuchern an den ersten Öffnungstagen ist die äußerst beeindruckende Opelvillen-Schau fulminant gestartet. Die faszinierenden Arbeiten sind noch bis zum 12. März 2017 zu sehen.

Opelvillen, 65428 Rüsselsheim; weitere Informationen zu dem vielfältigen Begleitprogramm und den geänderten Öffnungszeiten unter: www.opelvillen.de

Bernd Heier

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