Mercedes 150 Sport-Roadster – der letzte seiner Art – fährt wieder

30 Jul
2010
Mercedes 150

Foto: Daimler/Dieter Rebmann

Je seltener ein Wagen ist, desto wertvoller ist er meist. Ein besonders rarer Typ ist der 150 Sport-Roadster. Gebaut wurden weniger als ein Dutzend Autos, und überlebt hat nur ein einziges. Nach 40 Jahren fährt die rote Rarität jetzt wieder.

Als Mercedes den 150 Sport-Roadster im Frühjahr 1935 auf der Internationalen Auto- und Motorrad-Ausstellung in Berlin präsentierten, war der offene Zweisitzer ein Star. Erstmals stellten die Schwaben ihrem berühmt-berüchtigten Kompressorwagen für die Haute-Vollée einen Flitzer für das breitere Publikum zur Seite. Das zumindest war der Auftrag, den der damalige Vorsandschef Wilhelm Kissel im Herbst 1934 seinen Entwicklern gab, die einen „kleinen schnittigen Sportwagen“ auf die Räder stellen sollten.

Doch das zunächst begeistert gefeierte Auto wurde ein Flop. Obwohl Mercedes dem Zweisitzer nachsagte, er vereine „die Vorzüge eines Gebrauchswagens mit den Annehmlichkeiten eines reinrassigen Sportwagen in idealer Weise„, wurden vom Sport-Roadster nicht einmal ein Dutzend Exemplare gebaut. Nach kaum zwei Jahren wurde die Produktion mangels Nachfrage eingestellt.

Überlebt hat aus dieser Zeit offenbar nur ein einziges Auto, das Mercedes Anfang der fünfziger Jahre aus zweiter Hand mit einer Laufleistung von 44.500 Kilometern zurück kaufte. Das Fahrzeug stand seitdem im Werksmuseum und wurde mehr als 40 Jahre nicht mehr bewegt. Erst zum 75. Geburtstag des Modells machten die Schwaben die rote Rarität im Mercedes-Classic-Center im kalifornischen Irvine wieder flott.

Auf einer Ausfahrt durchs wohlhabende Orange County macht man mit dem Auto mehr Eindruck als mit jedem anderen Sportwagen. Klein und fast so niedlich wie ein Spielzeugauto sieht der Oldie aus, schlank und lang ist die Karosserie, und von vorn sieht sie fast ein bisschen so aus wie Donald Ducks legendärer Flitzer 313 – wenn man mal von den drei Scheinwerfern absieht. Von der Seite betrachtet jedoch wirkt der 150er so, als hätte jemand beim Bau die Fahrtrichtung verwechselt. Das liegt an der damals revolutionären Konstruktion mit dem 1,5-Liter-Vierzylindermotor hinter den Sitzen. So wurde die Idee vom Mittelmotor-Sportwagen geboren.

Vor 75 Jahren mag der Mercedes 150 den Beinamen Sport zu recht getragen haben. Heute gilt das nicht mehr. Lediglich 55 PS leistet der Motor, der laut hinter der schwarzen Lederbank knattert. Und nur wer zügig den Weg durch die verschachtelte Kulisse des Dreigang-Getriebes findet und es danach – ohne Kupplung – auch noch in den so genannten Schnellgang auf Position vier schafft, kommt annähernd auf Höchstgeschwindigkeit von 125 km/h.

Aber so schnell will man mit dem 4,20 Meter langen und nur 1,60 Meter breiten Oldie gar nicht fahren. Viel zu groß ist der Respekt vor dem Alter und viel zu mühsam die Bedienung. Der Fußraum ist so eng, dass man mit dem Schuh eigentlich immer auf allen drei Pedalen zugleich steht, das Lenkrad ist so groß, dass es kaum vor die Brust passt und die Frontscheibe so klein, dass man jenseits von 1,60 Metern Größe voll im Fahrtwind sitzt.

Das Armaturenbrett ist üppig bestückt. Wo andere Autos zu dieser Zeit lackiertes Blech zeigten, gab es hier schon Tacho, Tourenzähler, Öldruckmesser, Zeituhr, Zündlichtschalter, Winkerschalter, Drehknopf für die Leerlauf-Gasregulierung, einen Knopf für die automatische Starthilfe am Vergaser sowie einen elektrischer Zigarrenanzünder. Außerdem wurde der kleine Sportwagen mit gleich zwei beleuchteten Nummernschildern am spitz zulaufenden Heck und mit abschließbaren Türen ausgerüstet, die gegen die Fahrtrichtung öffnen.

Skurril wie das Auto ist seine Entstehungsgeschichte. „Die Basis für den Roadster bildete die Sport-Limousine 150, die Mercedes ein Jahr zuvor eigens für die Konkurrenzfahrt ‚2000 Kilometer durch Deutschland‚ gebaut hatte“, berichtet Mercedes-Klassik-Sprecher Josef Ernst. Bei dem Härtest wollten die Schwaben die Tauglichkeit des Heckmotor-Konzeptes beweisen. Das gelang, denn obwohl zwei Autos ausschieden, erhielten die anderen vier eine Goldmedaille, weil sie die Strecke in vorgegebenen Zeit absolvierten. Danach wurden die Autos, offenbar weil es Vorstandschef Kissel eilig hatte mit einem schnittigen Sportwagen, ihrer Karosserien beraubt teilweise als Roadster neu gestaltet. Ernst: „Bei einem Preis von 6600 Reichsmark waren die Absatzchancen jedoch gleich null.

„Heute ist der Wagen ein Vielfaches wert“, sagt Nate Lander aus dem Mercedes Classic-Center im kalifornischen Irvine, der die Restaurierung geleitet und den Roadster wieder flott gemacht hat. Ungeklärt ist nach wie vor, welche Farbe das Originalauto hatte. Dabei musste Lander allein am Winker sieben Schichten alten Lacks abtragen, damit die kleinen Flügel überhaupt wieder ausklappen konnten. Jetzt ist die Rarität in rot lackiert. Und das passt, weil es eher untypisch ist für Mercedes, sehr gut. Denn das ganze Auto ist ja eigentlich ein sehr ziemlich kapitales, wenn auch überaus hübsch geratenes Missverständnis.

Spiegel online/wk

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