Langes Leben liegt in den Genen – Die Geheimnisse der Hundertjährigen

4 Jul
2010

Jannette Calment an ihrem 121 Geburtstag

Jannette Calment an ihrem 121 Geburtstag

Niemand erreichte bislang ein höheres Lebensalter als die Südfranzösin Jeanne Calment. Sie wurde 122 Jahre, fünf Monate und 14 Tage alt – obwohl sie jeden Tag ein Glas Portwein trank und eine Zigarette rauchte. Mit 85 lernte sie Fechten, mit 100 fuhr sie immer noch Fahrrad. Erst mit 110 Jahren ließ sich Madame Calment dazu überreden, in ein Altersheim zu ziehen. Nicht, weil sie gebrechlich gewesen wäre, weit gefehlt. Ein Brand in ihrem Haus in Arles war der Anlass. „Gott ist nicht in Eile, mich zu sehen“, sagte sie. „Er kennt mich zu gut.“

Einer von 6000 wird älter als 100

Einer von sieben Millionen Menschen wird älter als 110, einer von 6000 schafft die 100-Jahr-Marke. Den meisten ist gemein, dass sie gesund altern. Sie sind mehr als 90 Jahre, bevor sie eines der Leiden bekommen, die andere viel früher plagen. Wie sie das schaffen, interessiert Forscher rund um den Globus. Sie sehen die Hundertjährigen als ein Modell des gesunden Alterns. Bisher war unklar, ob ihnen einfach die Risikogene für Krankheiten wie Alzheimer, Herzkrankheiten oder Krebs fehlen oder ob weitere Faktoren hinzukommen.

Wie Wissenschaftler der Universität Boston in „Science“ berichten, ist es nicht einfach das Fehlen von Alzheimer-, Diabetes- oder Bluthochdruck-Genen. Vielmehr schützt die über 100-Jährigen offenbar zusätzlich ein Netzwerk aus mehr als 70 Genen, die über das gesamte Genom verstreut sind, und lässt die Risikogene nicht oder erst später zum Zuge kommen. Selbst das Alzheimer-Gen „apoE 4“ scheinen sie in Schach zu halten.

Der amerikanische Altersforscher Thomas Perls vom Boston University Medical Center hat gemeinsam mit der Statistikerin Paola Sebastiani der Boston University School of Public Health und weiteren Kollegen die genetischen Unterschiede von 1055 über 100-Jährigen und 1267 Kontrollpersonen analysiert.

Sie filterten aus dieser Fülle von genetischen Markern mithilfe eines Computermodells eine Gensignatur von 150 SNPs (Single Nucleotid Polymorphisms) für ein extrem hohes, gesundes Alter heraus. Diese Signatur betrifft insgesamt mehr als 70 Gene – einige davon sind bereits zuvor von anderen Wissenschaftlergruppen als Langlebigkeitsgene identifiziert worden. „Aber es gibt eben nicht ein, zwei oder drei Langlebigkeitsgene“, sagt Perls. „Wie vermutet, haben wir es vielmehr mit einem sehr komplexen Phänomen zu tun.“

Als sie diese Gensignatur mit einer neuen Gruppe aus Hundertjährigen und Kontrollpersonen testeten, konnten sie mit einer Wahrscheinlichkeit von 77 Prozent voraussagen, ob es sich um die ganz Alten oder um normale Kontrollpersonen handelte. Die Forscher vermuten, dass kommerzielle Firmen dieses Ergebnis aufgreifen werden, um einen entsprechenden Gentest auf den Markt zu bringen. „Wir sehen das sehr skeptisch“, sagt Perls. „Was soll man mit der Information anfangen, dass man das Potenzial hat, mehr als 100 Jahre zu leben? Und was werden zum Beispiel Versicherungen mit solchen Daten machen?“ Dennoch werden Sebastiani, Perls und Kollegen das Computermodell ihrer Gensignatur in der nächsten Woche auf der Website der „New England Centenarian Study“ veröffentlichen. Wissenschaftler in aller Welt sollen die Möglichkeit haben, die Signatur an weiteren Hundertjährigen zu überprüfen.

Auch der Lebensstil spielt eine Rolle

Perls schätzt, dass etwa 15 Prozent der Bevölkerung diese Gensignatur tragen. Dass trotzdem nur einer von 6000 Menschen ein Alter von mehr als 100 Jahren erreicht, weise darauf hin, dass dennoch der Lebensstil und andere Umweltfaktoren eine sehr große Rolle spielen. Wer viel raucht, sich ungesund ernährt, kaum Sport treibt und viel Stress hat, gefährde damit vermutlich die positive Wirkung seiner Erbanlagen. „Keiner der über 100-Jährigen, die ich kenne, ist übergewichtig“, sagt Perls. „Und sie sind alle unglaublich nette, fröhliche Menschen.“

BM/wk

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