75 Jahre deutsches Fernsehen

25 Mrz
2010
Fernsehsender_paul_nipkow

Daraus wurde nichts. Zwar trat Adolf Hitler etwa zur Eröffnung der Olympischen Spiele ein Jahr später vor die Kameras. Bis zum Ende des «Dritten Reichs» war Fernsehen aber nur einer Minderheit zugänglich. Und trotzdem: Mit der ersten öffentlichen TV-Ausstrahlung vor 75 Jahren gelang dem NS-Regime ein Propaganda-Coup. Vor Briten und Amerikanern startete Deutschland nach einem technologischen Kopf- an-Kopf-Rennen als erstes Land ein reguläres Programm.

Die Quote war damals nicht messbar – und das hielt sich lange so. Dem neuen Medium fehlte das Publikum, die Geräte waren massig, die Bildschirme winzig, sie lieferten verschwommene Konturen und kosteten bis zu 3600 Reichsmark. An drei Abenden in der Woche kam über den UKW-Sender Berlin-Witzleben das Angebot mit paralleler Tonübertragung. Im ganzen Reich gab es etwa 50 Apparate, ein Teil davon bei NS-Funktionären und Medienleuten.

In einer winzigen Kammer im Haus des Rundfunks am damaligen Adolf- Hitler-Platz (heute Theodor-Heuss-Platz) wurde damals Technikgeschichte geschrieben. Die 22-jährige Postangestellte Ursula Patzschke wurde auserkoren, das weltweit erste öffentliche TV- Programm anzukündigen. Sie las Geschichten vor oder ließ ihren dressierten Dackel Kunststücke vor der Kamera vollbringen. Später gab es Kurzfilme, Wochenschauen und Varieté. «Bild des Tages» hieß die erste Nachrichtensendung, und der «Gesprächskreis» dürfte als erste Talkrunde im deutschen Fernsehen gelten.

Die Begeisterung hielt sich sehr in Grenzen, die Menschen gingen lieber ins Kino, wo die Filme scharfe Bilder lieferten. Im April 1935 eröffnete die Post im Berliner Stadtgebiet mehrere «Fernsehstellen», später auch in Potsdam, Leipzig, Nürnberg und Hamburg. Jeweils rund 30 Zuschauer hatten in den Wärmestuben in den Postämtern Platz. Der Bildschirm war zunächst nicht größer als ein Schuhkarton.

Die Nazis beäugten den Flimmerkasten eher skeptisch. Zwar hatte Reichspropagandaminister Joseph Goebbels verkündet, Fernsehen sei kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit der «nationalsozialistischen Volksaufklärung und Propaganda». Doch das als eher unpolitisch eingestufte Fernsehen, so befürchtete die NS-Spitze, könnte dem Hörfunk als mächtigstem Einflussmedium den Rang ablaufen.

Der Berliner Sender wurde bald nach Paul Nipkow benannt. Der Techniker hatte im Jahr 1883, mit 23 Jahren eine gelochte Scheibe entwickelt, mit der ein Lichtstrahl abgetastet und auf 180 Bildzeilen in elektrische Signale umgewandelt wurde. Mit den Nazis hatte er nicht viel gemein, doch sie setzten seine Vision um, Lichtstrahlen in Linien und Punkte aufzulösen und durch den Äther zu übertragen.

Erst das Spektakel der Olympischen Spiele 1936 gab dem Fernsehen einen deutlichen Impuls und etablierte das Medium. Bis zu acht Stunden täglich wurden aus den Sportstätten in Berlin übertragen. Zwischen Berlin und Leipzig wurde das erste Breitbandkabel verlegt, Fernsehbilder wurden nun auch nach Hamburg und München gesendet. Im Krieg gab es Fernsehempfänger auch in Lazaretten.

Zur Funkausstellung im Juli 1939 wurde entsprechend zum Radio- «Volksempfänger» ein «Volksfernseher» vorgestellt. Er sollte 650 Reichsmark kosten, doch mit Kriegsbeginn wurde die Serienproduktion auf Eis gelegt. Später durften die verletzten Soldaten mit leichter Unterhaltung genesen: «Wir senden Frohsinn, wir spenden Freude» hieß eine Show aus dem Kuppelsaal des Olympiastadions, die auch in die Lazarette gesendet wurde. Im November 1943 wurde der Berliner Sender von Fliegerbomben zerstört. Erst nach dem Krieg hatte das Fernsehen in Deutschland dann wieder eine Stunde null.

MV/WK

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