Museum Giersch zeigt „Die Welt im BILDnis“ – Porträts als Spiegel der Stände-Gesellschaft

19 Mai
2020

Conrad Faber von Kreuznach „Doppelbildnis des Justinian von Holzhausen und seiner Frau Anna“, 1536, Mischtechnik auf Lindenholz • Bild: Städel Museum, Frankfurt

Frankfurt am Main – Gesellschaftliche Bedeutung machte bild(nis)würdig! – Die Faszination des Porträts hat eine lange Tradition, die bis in die Gegenwart anhält: Was sich derzeit in massenhaft digital verbreiteten Porträts und „Selfies“ ausdrückt, war früher das ‚Bildnis als Gemälde‘ oder ‚Druckgraphik‘.

In der bürgerlichen Kultur waren Porträts Mittel der sozialen Selbstdarstellung und der Markierung der eigenen Position in einer ständischen Gesellschaftsordnung. Sie waren aber auch Gegenstand ursprünglich privater Sammelleidenschaft, deren Spuren sich heute nicht nur in der Universitätsbibliothek Frankfurt finden lassen, sondern ebenso im Städel Museum, dem Historischen Museum und dem Goethe-Museum bis hin zum Institut für Stadtgeschichte oder zur Dr. Senckenbergischen Stiftung.

Das Museum Giersch der Goethe-Universität blickt mit der Ausstellung „Die Welt im BILDnis. Porträts, Sammler und Sammlungen in Frankfurt zwischen Renaissance und Aufklärung“ in die Geschichte der Bildnisse und zeigt Meisterwerke der Porträtkunst, die dem Patriziat der Familie Holzhausen und der gebildeten Oberschicht wie dem Arzt und Naturforscher Johan Christian Senckenberg zur Repräsentation dienten. Zu sehen sind in der von Prof. Jochen Sander kuratierten Schau neben Gemälden druckgraphische Porträts, die vor der Erfindung der Fotografie die einzige Möglichkeit zur Vervielfältigung und Verbreitung lieferten.

Als Sammelobjekt hochgeschätzt, waren sie durch ihre ursprüngliche Präsentation in geklebten Porträtalben, den sogenannten „Klebealben“, auch „Ausdruck der zeitgenössischen Wissenskultur, spiegelten sie doch in ihrer Bildgestaltung die Rolle des Dargestellten in Politik oder Wissenschaft“, schreibt Prof. Dr. Brigitta Wolff, Präsidentin der Goethe-Universität Frankfurt, in dem Grußwort des opulenten Begleitbuchs.

Frankfurter Werkstatt: „Ahnenbaum von Maria Justina und Johann Maximilian zum Jungen“, 1634, Öl auf Leinwand; Städel Museum • Foto: Bernd Heier

Neben den Sammlungsbeständen der weitläufigen Holzhausen-Familie sind auch Exponate aus den Kollektionen von Johann Christian Senckenberg sowie des heute vergessenen Buchhändlers Grohte zu sehen. Deren Sammlungen strebten – anders als die der von Holzhausen – keinen vollständigen Überblick über die ständisch gegliederte Gesellschaft ihrer Zeit an, sondern konzentrierten sich auf die Bildnisse von Ärzten und Naturwissenschaftlern beziehungsweise von Schriftstellern und Gelehrten.

Die Porträtkunst jener Zeit war vor allem eines – affirmativ: Gesellschaftliche Bedeutung machte bild(nis)würdig. Wem diese Bedeutung abging, wurde nicht dargestellt. Diese Regel ließ nur wenige Ausnahmen zu, allen voran die Bildnisse von Personen, die als wirkliche oder vermeintliche Verbrecher beziehungsweise als sozial Geächtete aus der gesellschaftlichen Ordnung ihrer Zeit herausgefallen waren und die daher – damals wie heute – öffentliches Interesse erweckten.

Nicht nur ihre öffentliche Bestrafung, sondern auch ihre posthumen Porträts dienten dazu, die verletzte Ordnung symbolisch wiederherzustellen, beispielsweise im Falle des einem Justizmord zum Opfer gefallenen württembergischen Hoffaktor Joseph Süß Oppenheimer oder des Dresdner Priestermörders Franz Laubler. „Aufschlussreich sind die Bildstrategien, mit denen der Normbruch, aber auch dessen Sühnung in Szene gesetzt worden sind“, erläutert der Kurator. Unter dem Titel „Aus der Rolle gefallen“ sind diese Bildnisse in einem eigenen Raum versammelt.

Die thematisch geordnete Schau bietet eine abwechslungsreiche Auswahl von 42 Gemälden und 105 Druckgraphiken, die die soziale Ordnung der ständisch organisierten Gesellschaft Frankfurts vom 16. bis 18. Jahrhundert beeindruckend widerspiegeln. – Die Ausstellung, die die neue Direktorin Dr. Birgit Sander als „besonderen Glücksfall“ bezeichnet, entstand in Zusammenarbeit mit der Städel-Kooperationsprofessur und Studierenden am Kunstgeschichtlichen Institut der Goethe-Universität.

„Die Welt im BILDnis. Porträts, Sammler und Sammlungen in Frankfurt zwischen Renaissance und Aufklärung“ ist bis zum 13. September 2020 im Museum Giersch zu bewundern – weitere Informationen unter:  www.museum-giersch.de  sowie ein Einführungs-Video mit Prof. Sander auf:  https://www.youtube.com/watch?v=gIk6IH9jfoc&t=5s

Bernd Heier

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