„Klassen-Kämpfe. Schülerproteste 1968–1972“ im ‚Museum für Kommunikation‘ – Sex statt Religion, Marx statt Rechtschreibung!

15 Apr
2018

© Museum für Kommunikation Frankfurt

Frankfurt am Main – Klassenzimmer werden zu „Kampfzonen“ – Unter dem Begriff „68er-Bewegung“ werden in der Bundesrepublik Deutschland die verschiedenen Strömungen zusammengefasst, die seit Mitte der 1960er Jahre gegen Staatsmacht, autoritäre Gesellschaft sowie die politischen und sozialen Verhältnisse heftig protestierten.

Dabei wird das Jahr 1968 in erster Linie mit der Revolte der Studierenden in Verbindung gebracht. Parallel dazu entwickelte sich eine bislang weniger beachtete, aber durchsetzungsstarke und bundesweit aktive Schülerbewegung.

Neben der rebellierenden Studentenschaft probten vor 50 Jahren auch Schülerinnen und Schüler den Aufstand. Sie wehren sich gegen prügelnde Lehrer und verbrennen Klassenbücher. Sie fordern Abschaffung der Noten, Sex statt Religion, Marx statt Rechtschreibung. Sie besetzen Schulämter und Straßenbahnen und marschieren Seite an Seite mit Anführern wie Rudi Dutschke gegen Notstandsgesetze und Vietnamkrieg. An etlichen Schulen werden die Klassenzimmer zu „Kampfzonen“. Manche sprechen gar von einem „Kinderkreuzzug“. Frankfurt wird zu einem Zentrum der Schüler- und Studentenrevolte.

Erstmals geht eine Ausstellung den Absichten und Beweggründen dieser Proteste nach: Die spannende Schau „Klassen-Kämpfe. Schülerproteste 1968–1972“ im  Frankfurter Museum für Kommunikation beleuchtet die vielfältigen Facetten und weitreichenden Folgen sowie den historischen Hintergrund des jugendlichen Aufbegehrens. Die sehenswerte, von Dr. Mathias Rösch kuratierte Präsentation ist bis zum 22. Juli 2018 zu sehen.

Schüler bei einer Demonstration gegen Atomwaffen, 1967; Foto: Privat

Im Zentrum stehen acht Stationen, die die wesentlichen Themen der jungen Protestbewegung in den sehr unterschiedlichen Ballungsräumen Frankfurt und Nürnberg in den Blick nehmen. Sie beleuchten den Wandel der Rollenbilder, den Umgang mit Sex, Prügel und autoritären Erziehungsmethoden an den Schulen sowie die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus.

Insgesamt über 100, zumeist unveröffentlichte Exponate aus Privatbesitz verdeutlichen die Zusammenhänge der Schülerproteste. Darunter befinden sich historische Objekte wie ein Rohrstock, der an einer Nürnberger Schule noch in den 1950er-Jahren als Erziehungsmittel diente, aber auch Trophäen des Widerstands wie die bei einer Demonstration in Nürnberg ergatterte Polizeimütze.

Historische Dokumente, wie beispielsweise ein Klassenbuch, das in einer Protestaktion angezündet und bemalt wurde, zeigen die explosive Spannung zwischen den Vorstellungen der Elterngeneration und dem jugendlichen Drang nach Rebellion und Freiheit. An einigen Schulen kommt es sogar zu juristischen Auseinandersetzungen. Das bundesweit erscheinende Schülermagazin „Underground“ initiiert eine „Zentralkartei für Lehrerverbrechen“ und ein Frankfurter Schüler ruft dazu auf, Fälle physischer und psychischer Gewalt gegen Schüler in einem „Weißbuch“ zu sammeln.

Hörstationen mit Zeitzeugen-Interviews vermitteln den Ausstellungsgästen einmalige Tondokumente. Dazu zählen beispielsweise Auszüge aus der Rede „Erziehung zum Ungehorsam“ der Abiturientin Katrin Storch oder die Erinnerungen von Christa Appel, die einen bundesweiten Eklat auslöste, als sie für eine Schülerzeitung Jugendliche zum Thema Sex interviewte. Lernstationen zu den acht Ausstellungseinheiten bieten den Besuchern zusätzlich die Möglichkeit, die brisanten Ausstellungsthemen zu vertiefen.

Die Ausstellung ist eine Kooperation mit dem Schulmuseum Nürnberg, der Universität Erlangen-Nürnberg sowie der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit und wird gefördert durch das Kulturdezernat der Stadt Frankfurt am Main. – „Klassen-Kämpfe. Schülerproteste 1968–1972“ bis zum 22. Juli 2018 im Museum für Kommunikation Frankfurt – weitere Informationen unter:  www.mfk-frankfurt.de

Bernd Heier

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