„Eindeutig bis zweifelhaft. Skulpturen und ihre Geschichten (Erworben 1933–1945)“ – Tiefe Einblicke in die Historie des ‚Liebieghauses‘!

8 Mai
2017
Christus und Johannes, Adelhausen-Konvent, Freiburg, Carl von Weinberg

„Christus und Johannes“, aus dem Adelhausen-Konvent in Freiburg im Breisgau, Oberrhein oder Bodensee, um 1350, Höhe 34,5 cm; erworben 1938, restituiert 1949, 1950 geschenkt „zur Erinnerung an Herrn Dr. Carl von Weinberg“; Foto: Liebieghaus Skulpturensammlung – ARTOTHEK

Frankfurt am Main – Mit der Sonderausstellung „Eindeutig bis zweifelhaft. Skulpturen und ihre Geschichten (Erworben 1933–1945)“ greift die Liebieghaus-Skulpturensammlung ein bislang kaum beachtetes Kapitel ihrer Sammlungs- und Museumsgeschichte auf: Die Zeit des Nationalsozialismus und die während dieser Jahre getätigten Erwerbungen.

Die hochinteressante Präsentation, die bis zum 27. August 2017 in der burgartigen Villa am Schaumainkai zu sehen ist, gewährt anhand von zwölf ausgewählten Objekten Einblicke in die Historie des Museums in den Jahren 1933 bis 1945 und informiert über die Personen, in deren Sammlungen die Kunstwerke sich einst befanden. Insgesamt hat das Liebieghaus 471 Objekte in der Zeit von 1933 bis 1945 erworben. Heute befinden sich davon noch 152 im Bestand, da die restlichen Stücke unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg im Zuge der alliierten Rückerstattungsgesetzgebung restituiert wurden.

Apoll von Belvedere, Liebieghaus Skulpturensammlung, Pier Jacopo Alari Bonacolsi

Pier Jacopo Alari Bonacolsi, genannt Antico „Apoll vom Belvedere“, 1497/98. Höhe 41,3 cm; erworben 1938, restituiert 1948, wieder erworben 1949; Foto: Liebieghaus Skulpturensammlung – ARTOTHEK

Als eines der ersten Museen Deutschlands untersucht das Städel Museum bereits seit dem Jahr 2001 seine Sammlungen auf verfolgungsbedingt entzogene Kunstwerke. Im Frühjahr 2015 wurde die Forschungsarbeit um ein umfassendes Projekt zur systematischen Untersuchung der Bestände des Liebieghaus erweitert, die vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste und der Stadt Frankfurt am Main unterstützt wird. Provenienzforschung ist eine moralische Pflicht und ein nicht mehr wegzudenkender Teil der Museumsarbeit. Mit der ebenso offenen wie transparenten Aufarbeitung und Präsentation aktueller Forschungsergebnisse in diesem Bereich stellt sich die ‚Liebieghaus Skulpturensammlung‘ ihrer historischen und gesellschaftlichen Verantwortung als Museum“, kommentiert Dr. Philipp Demandt, Direktor des Liebieghauses, die von ihm initiierte Ausstellung.

„Mit der Geschichte der Objekte aufs Engste verknüpft sind die Geschichten von Menschen“, ergänzt Kuratorin Dr. Eva Mongi-Vollmer: “Die Erinnerung an ehemalige Vorbesitzer und das Bewusstsein, dass jedes Objekt, das heute in einem Museum, einer Galerie oder im Privaten zu sehen ist, eine Vorgeschichte besitzt – sie bilden die Grundlage der Ausstellung und die Grundlage unserer Provenienzforschung“. Die zwölf ausgewählten Objektbeispiele stehen stellvertretend für bestimmte Erwerbungsarten und sind gut ausgeschildert in den drei Hauptabteilungen  der Skulpturensammlung – Antike, Mittelalter und Renaissance bis Klassizismus –  verteilt. Dabei werden der Öffentlichkeit auch jüngste, noch unveröffentlichte Erkenntnisse vorgestellt.

Die Ausstellung erzählt beispielsweise die bewegenden Geschichten von Sammlern wie Harry Fuld, Maximilian von Goldschmidt-Rothschild oder Carl von Weinberg, die dem Liebieghaus über Jahrzehnte hinweg eng verbunden waren, sowie von heute fast vergessenen Sammlerpersönlichkeiten wie dem Ehepaar Oswald und Alice Feis. Auch das mitunter widersprüchliche Handeln der Museumsmitarbeiter während der Zeit des Nationalsozialismus, insbesondere des Direktors Alfred Wolters, ist Teil dieser akribisch erarbeiteten Präsentation. Hörstationen bieten ergänzende und vertiefende Informationen.

Mit dem von der Aventis Foundation ermöglichten „Digitorial“ (www.provenienz.liebieghaus.de) können sich Interessierte bereits vor dem Museumsbesuch mit den Schwerpunkten der Schau vertraut machen. Die Sonderausstellung wird von einem umfassenden Vermittlungsprogramm begleitet.

„Eindeutig bis zweifelhaft. Skulpturen und ihre Geschichten (Erworben 1933–1945)“, bis zum 27. August 2017 in der Liebieghaus Skulpturensammlung; weitere Informationen unter: www.liebieghaus.de

Bernd Heier

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