Götterdämmerung am Mittelpunkt der Erde

21 Jul
2012

 

Es ist einsam auf dem Highway 180. Kein Auto weit und breit, keine Stadt, kein Haus. Tiefschwarz hüllt die Nacht die Straße in ihr dunkles Kleid. Rechts und links säumt Kiefernwald den Weg zum Abgrund der Welt – dem Grand Canyon.

Die Sterne am Himmel strahlen heller als anderswo. Im Radio läuft sanfte Country-Musik. Plötzlich rennt ein Coyote aus dem Forst, schreckt uns aus dem ruhigen, verträumten Dahingleiten über Arizonas Straßen auf. Seine Augen blitzen gespenstisch, als das Scheinwerferlicht unseres roten Pickups sie erreicht.

Leben regt sich auf einmal in der menschenleeren Gegend kurz vor Morgengrauen. Wenige Meilen weiter steht ein gewaltiger Maultierhirsch seelenruhig auf der Straße. Er scheut uns Menschen nicht, verharrt und lässt sich auch vom Motorengehäul unseres Autos nicht irritieren. Mit gedrosseltem Motor und vor den Gefahren der Wildnis gewarnt setzen wir die Fahrt fort.

Ehrfuchtgebietender Anblick

Ein paar Meilen später sind wir in Tusayan. Der kleine Ort liegt an der Grenze zum Grand Canyon Nationalpark. Hier gibt es ein paar gemütliche Hotels sowie die üblichen Fastfood-Restaurants für hungrige Wanderer. Tusayans Einwohner sind freundlich und gerne bereit, Auskunft und dienliche Hinweise zu Amerikas berühmtestem Naturmonument – dem Grand Canyon – zu geben.

Leichte Morgenröte durchzieht bereits den Himmel. An einer Tankstelle mahnt uns eine charmante Mittvierzigerin mit blondem Haar zur Eile, wollten wir den Sonnenaufgang noch sehen. Die ersten Sonnenstrahlen über dem Grand Canyon zeigen sich Anfang Juli gegen 5.10 Uhr.

Zehn Minuten später sind wir im Grand Canyon Nationalpark, für dessen Eintritt wir 25 Dollar pro Auto zahlen. Nur ein paar Meter vom Parkplatz des Visitor Centers entfernt hinter Kiefergehölz klafft urplötzlich vor uns die berühmteste Schlucht der Welt. Der Blick fällt hinab in die Tiefe. Er schweift in die Ferne, findet keinen Halt. 446 Kilometer lang, 6 bis 30 Kilometer breit und fast 1,8 Kilometer tief ist der riesige Schlund, der selbst noch vom All aus zu erkennen ist.

Gewaltige Felswände ragen wie Mahnmale empor, lassen uns vor Ehrfurcht erstarren und die zehrende Kälte des frühen Morgens vergessen. In der Ferne zeigen sich markante Steinformationen, Tafelberge und Kamine aus Sandstein und Schieferton. Sie wirken wie rätselhafte Wesen aus einer anderen Welt. Sie erzählen die Geschichte der Erde. Fast zwei Milliarden Jahre davon liegen vor uns blank, offenbaren das Innerste des Planeten in einer der vollständigsten Schichtenabfolgen, die je ein menschliches Auge erblickt hat.

Man mag kaum erahnen, welche Naturgewalten an diesem Ort in Millionen von Jahren gewirkt haben. Unvorstellbar scheint die Kraft, mit der sich der Colorado River in das einstige Plateau gebohrt und wie ein gefräßiges Monster Gesteinsschichten und Fossilien freigelegt hat.


Der Canyon errötet

Wir gehen zum Mather Point, einem der schönsten Aussichtspunkte, um dem nun folgenden Naturschauspiel beizuwohnen: Von Osten zeigen sich die ersten Sonnenstrahlen über der Schlucht. Mit all ihrer Wucht presst sich die Sonne hinter dem Horizont hervor. Felswände am südlichen Rim und westlich gelegene Berge erröten, Felsformationen erstrahlen und werfen Schatten in den Abgrund, der noch nicht gänzlich von der Sonne wachgeküsst ist. Immer höher steigt der Feuerball am anderen Ende der Schlucht. Adler kreisen über dem Canyon. Kleine, flinke Hörnchen tummeln sich an den Hängen. Fette schwarze Käfer krabbeln im hellbraunen, sandigen Geröll.

Wir sind beeindruckt von der unsagbaren Dimension des Canyons, seiner malerischen Kulisse und dem bukolischen Schauspiel früh am Morgen. Wir genießen den Augenblick, den wir zusammen mit den zahlreichen Chinesen, Deutschen, Kanadiern und Amerikanern teilen, die ebenfalls zum Mather Point gefunden haben.

Zufrieden und glücklich lassen wir uns Zeit, die ersten Eindrücke am «Mittelpunkt der Erde» zu verinnerlichen. Wer Gleiches vorhat, der wisse, dass es dauert, den gewaltigsten Anblick der Erde zu begreifen. Mehr als eine Stunde sinnieren wir am Rande der Schlucht – so lange, bis auch der letzte für uns sichtbare Winkel im Tal im Sonnenlicht erscheint.

 

Gut vorbereitet in die Schlucht

Weiter geht es mit dem Auto zum Grand Canyon Village am South Rim. Hier gelangen Wanderer über den Rim Trail zum Grund der Urspalte. Wer hinabsteigt, sollte gut ausgerüstet sein: Vier Liter Wasser, salzhaltiges Essen, festes Schuhwerk und Sonnenschutz gehören dazu. Der Abstieg scheint leicht, hat aber schon so manch fitten Wanderer in die Knie gezwungen. Auch Todesfälle gibt es im Grand Canyon immer wieder zu beklagen, weil die Touren sehr anstrengend sind und die Höhenlage oft unterschätzt wird. Nicht zuletzt verlangt der Rückweg den Outdoor-Liebhabern das Meiste ab.

Die Sonne im Canyon brennt unbarmherzig. Bisweilen herrschen hier zwischen 40 und 50 Grad. Man verliert beim Laufen viel Wasser und dehydriert schnell, wenn kein Nachschub folgt. Der Strapazen wegen ist es strengstens verboten, Wanderungen in den Canyon und wieder zurück an nur einem Tag zu machen. Hinweisschilder mahnen überall zur Vorsicht.

Entenmärsche in karger Wildnis

Wer hinabsteigt, um die Schönheiten der Schlucht zu erkunden, kann im Grand Canyon übernachten. Allerdings sollte eine Buchung frühzeitig erfolgen – mindestens ein halbes Jahr im Voraus. Da uns eine Nacht im Canyon deshalb nicht vergönnt ist, wagen wir nur eine kurze Wanderung. Gut mit Wasser versorgt, mit Sonnenhüten auf dem Kopf und einem Obstfrühstück im Magen erkunden wir den Pfad. Er ist einfach zu gehen und bietet reichlich Gelegenheiten für schöne Schnappschüsse. Der Wanderweg erstreckt sich auf 21 Kilometern vom South Kaibab Trailhead im Westen bis zu Hermits Rest.

Im Entenmarsch geht es vorbei an struppigem Gebüsch, ausgemergelten, toten Baumstümpfen und einem Meer an Kakteen. Rast machen wir an einem kleinen Felsvorsprung und genießen die fantastische Aussicht im wechselnden Licht des Tages. Wir beobachten in der Ferne das Treiben wagemutiger Adrenalinjunkies: Sie hüpfen vor den Kameras ihrer Freunde am Rande eines Felsvorsprungs – offenbar im Wettkampf um das beste Foto vor großer Kulisse. Zum Glück sind nur wenige der jährlich 40.000 Wanderer so todesmutig und uneinsichtig.

Im Übrigen: Wer es den Indianern gleichtun will, die hier im Canyon lebten, kann ab Grand Canyon Village an einer geführten Tour auf einem Maultier teilnehmen.Für die geduldigen Tiere ist der Trab durch den Canyon Alltag. Für ungeübte Reiter kann es so ein Ritt jedoch ganz schön in sich haben.

Nach der Rückkehr aus dem Erdenschlund geht es erst einmal in ein Diner. Von Eiern, Speck und Pancakes gestärkt zieht es uns danach weiter nach Westen. Auf nach Oatman via Route 66 …

wk

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